Bußgottesdienst 1993
am 26. März 1993 in der Basilika Petersberg
Thema: "Was uns ein Dornenzweig alles sagen kann"
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Eingangslied GL 644,1-4 "Sonne der Gerechtigkeit' Hinführung
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Gebet
Herr, unser Gott.
Du willst, daß wir uns im Umgang miteinander nicht verletzen. Komm in unsere
Mitte, und laß uns erkennen, wie wir dir und den Mitmenschen näherkommen können.
Darum bitten wir ...
GEWISSENSERFORSCHUNG -MEDITATION
l. DORNEN VERLETZEN
Nehmen
Sie ruhig den Dornenzweig in die Hand. Ertasten Sie die Spitze der Dornen. -
Was sind meine Dornen, mit denen ich andere verletze ?
Sind es meine
harten Worte - als spitze Bemerkung, Stichelei, Ironie oder als bittere Vorurteile?
Ist es meine "böse Zunge", meine üble Nachrede?
Habe ich dabei entmutigende Wörter ausgesprochen wie "Du schaffst das doch nie!",
"Warum tust Du das für andere, Du bist ganz schön dumm!", "Ich hab Dich gar
nicht vermißt!" "Dich hätten wir besser nicht!", ''Im Grunde war ich nie glücklich
mit dir" ...?
Habe ich mich sogar hinreißen lassen zur Gewalt? Sind meine Dornenspitzen fehlende
Anteilnahme, mangelnde Hilfsbereitschaft?
Stille
2. DORNEN IM FLEISCH
Ein Dorn kann auch in unserem Fleisch stecken. Wir wissen nicht, ob Paulus an einer Krankheit litt, die ihn hinderte, als er im 2. Korintherbrief schrieb:
Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht , überhebe. Dreimal habe ich den Herrn angefleht, daß dieser Bote Satans von mir ablasse. Er aber antwortete mir: "Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit." Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Mißhandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (2 Kor 12, 7-10).
Welche Angst oder Ohnmacht oder Krankheit bewahrt mich vor Überheblichkeit? Kann ich darin nur Belastung sehen oder bin ich bereit auch dann der Liebe und Nähe Gottes zu vertrauen? Bäume ich mich nur dagegen auf und verbittere über das was mir zugemutet wird? Oder habe ich mich schon auf die Erfahrung eingelassen, daß Gott mir gerade in der Schwachheit nahe ist und mich stärken kann? Stille Lied: GL 160,1-2 "Bekehre uns, vergib die Sünde"
3. DORNEN ERSTICKEN Dornenzweige, von denen wir ein Stück in der Hand halten, können Leben ersticken. Wir hören dazu aus dem Matthäusevangelium: 2. Spr.: Und Jesus erzählte: ,Wieder ein anderer Teil der Körner fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat." - Später erklärte Jesus seinen Jüngern diesen Gedanken und sagte: "In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort vom Reich Gottes zwar hört, aber dann ersticken es die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum, und es bringt keine Frucht" (Mt 13, 7.22).
Haben meine Sorgen mich daran gehindert, die gute Nachricht von Gott aufzunehmen, die ich in jedem Gottesdienst vernehmen kann? Diene ich mehr dem Geld als Gott? Kreisen meine Gedanken öfter um mein Bankkonto, meine Anschaffungen und Zukunftssicherung als um das Gute und um Gott und das, was er uns alles schenkt? Stille
4.
DORNENZWEIGE ABSCHNEIDEN
Damit Rosensträucher kräftig treiben können, werden ihnen im Frühjahr solche
Dornenzweige abgeschnitten.
Kann ich
Wünsche zurückstellen, damit meine besten Kräfte sich mehr entfalten können?
Kann ich Ziele und Träume zurückstecken, um jetzt intensiver zu leben? Bin ich
ein bescheidener und neidloser Mensch? Ertrage ich eine Zurücksetzung im Beruf
oder in der Nachbarschaft? Oder reagiere ich brutal mit den Ellbogen? An welcher
Stelle sollte ich meine Ansprüche oder Erwartungen zurückschneiden? Stille Lied:
GL 160,3/6
5.
DORNEN BESEITIGEN
Versuchen Sie bitte einmal, einen Dorn an Ihrem Zweig abzubrechen. Vorsicht!
Sie können sich dabei wehtun! So ist das immer, wenn ich in unserer Gesellschaft,
am Arbeitsplatz oder gleich nebenan "Dornen" beseitigen will.
Begnüge ich
mich mit salbungsvollen Worten, oder packe ich mit an, wo eine Not oder eine
Ungerechtigkeit zu beseitigen wäre? - Gebe ich nach einer Verletzung gleich
auf, oder halte ich den Schmerz aus und mache weiter um der guten Sache willen?
Stille
6.
DORNENHECKE
Wie im Märchen Dornröschen
legen manche Menschen eine Dornenhecke an, um andere mit ihren Wünschen und
Erwartungen nicht an sich heranzulassen. Gehöre ich dazu? Lasse ich niemanden
wirklich an mich heran? Habe ich mich so eingeigelt, daß ich in allen Äußerungen
gleich einen Angriff auf meine Person sehe? Kann ich Kritik vertragen? Reagiere
ich in Konflikten meist aggressiv oder beleidigt? Was hindert mich die Dornenhecke
zwischen mir und anderen niederzureißen? Toleriere ich ein Stück Dornenhecke
bei anderen, weil sie eine schwache Stelle schütten kann.
Ein weiterer
Gedanke:
Eine Dornenhecke
ist auch Schutz für Schwache In ihr bauen Vögel gerne ihre Nester.
Orgelmusik (ca. 3 Minuten)
7. DER DORNENZWEIG IN DER BIBEL
Wir verfolgen einmal diesen Dornenzweig, den wir in Händen oder vor unseren Augen haben, in der Bibel. Zuerst taucht er als Strafe auf. Da heißt es im ersten Buch, dem Buch Genesis:
Zu Adam sprach Gott, der Herr: "Weil du von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln läßt er dir wachsen, und die Pflanzen des Feldes mußt du essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen ..." (Gen 3, 17-19a).
Die nächste Stelle mit Dornen steht im zweiten Buch, im Buch Exodus. Da wird das negative Zeichen der Dornen plötzlich positiv:
Eines Tages trieb Mose das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht. Mose sagte: "Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht?" Als der Herr sah, daß Mose näherkam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: "Mose, Mose, komm nicht näher heran ..." (Ex 3. lb-5a).
Dieser ärmliche Dornbusch, der in der Wüste höchstens zum Anzünden eines Feuers benutzt wird, kommt zur Ehre der Gegenwart Gottes. Warum hat Gott nicht den viel edleren Johannisbrotbaum oder einen Maulbeerbaum gewählt? Oder einen Weinstock, der auch in der Wüste wachsen kann!? Will Gott damit den Fluch der Dornen und Disteln mildern? Will er uns damit sagen, es gibt auf Erden keinen Platz - und sei er noch so bedrückend und himmelschreiend -, an dem Gott nicht anwesend ist?
Aber es gibt noch eine Steigerung: Sie steht im Neuen Testament:
Die Soldaten des Statthalters zogen Jesus aus und legten ihm " einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: "Heil dir, König der Juden!" Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf (Mt 27, 28-30).
Jesus trägt das Zeichen des Fluches und der Gegenwart Gottes auf seinem Haupt. Das ist die Sprache Gottes, der auf krummen Zeilen gerade schreiben kann: In Christus sind wir bereits erlöst! Wir glauben an diesen Gott, der alles umkehren kann: Not und Leid, Bitterkeit und Zweifel. Wenn er auch oft dabei unserer Hilfe bedarf. Wir glauben an Jesus Christus, in dem wir alle Ängste überwinden können! Wir beten abwechselnd. GL 83: Der Herr vergibt die Schuld ...
Wir schauen auf die Krone aus Dornen hier vorne am Altar und besinnen uns noch einmal auf die befreiende Botschaft Gottes, die wir gerade gehört haben.
Meditationsmusik
Lied: GL 168,1-4 (Schuldbekenntnis)
Vergebungsbitte
Trotz Dornen
schlummern in jedem Menschen verborgen die Blüten, die Kräfte der Liebe - auch
wenn wir außen nur die Dornen sehen.
Habe ich
die nötige Geduld, auf die Blüten zu warten. Nehmen Sie bitte den Dornenzweig
mit nach Hause und legen Sie ihn noch eine Zeitlang so, daß er Sie erinnern
kann: In Christus sind alle unsere Dornen schon erlöst.
Schlußlied: GL 637.1-3